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  • Ulli

Gedanken nach 1 Jahr Corona


Heute ist es auf den Tag genau 1 Jahr her, seit ich das letzte Mal vor echten Menschen auf der Bühne stehen durfte. Fast nostalgisch mutet das an, was vor Corona mein tägliches Brot war. Ein Jahr voller Unsicherheit und Ängste liegt hinter uns, und wir sind immer noch mittendrin. Wie geht man damit um, ohne zu verzweifeln? Ich möchte heute mit Dir teilen, was mir persönlich geholfen hat und was ich auch bei anderen wahrgenommen habe.


Zunächst einmal habe ich gelernt, die Situation zu akzeptieren, und zwar wertungsfrei. Die Situation ist weder gut noch schlecht, sie ist einfach, was sie ist. Das klingt erstmal hart, denn wir wollen es doch gerne anders. Aber sich innerlich dagegen zu aufzulehnen, hilft uns nicht, sondern im Gegenteil – wir leiden darunter! Das ist so, als würde ich schimpfen, wenn es regnet. Hört der Regen dann auf? Nein, aber ich leide, weil ich ihn nicht haben will. Corona wird nicht verschwinden, weil wir es nicht haben wollen. Das interessiert das Virus nicht. Erst wenn wir die Situation akzeptieren, können wir anfangen, neue Wege zu finden. Akzeptanz ist jedoch nicht zu verwechseln mit Resignation. Akzeptanz bedeutet nicht, ungefragt alles hinzunehmen und nicht mehr aktiv zu werden. Es bedeutet lediglich, den inneren Widerstand gegen die aktuelle Situation zu beenden und einen Weg zu finden, damit umzugehen. Wenn es regnet, nehme ich mir ja auch einen Regenschirm.



Erst als ich angefangen habe, die Situation zu akzeptieren und mich wieder mit Menschen zu vernetzen, öffneten sich neue Türen, die ich ohne Corona vielleicht niemals aufgestoßen hätte. Und so ging es einigen meiner Freunde, die anfangs sehr unter der Situation gelitten haben.


Ein Künstler-Freund beispielsweise, der normalerweise das ganze Jahr auf Tour ist, wird in diesem Jahr heiraten, wozu er ohne Corona gar keine Zeit gehabt hätte. Gleichzeitig hat er ein neues Medium für seine Kunst entdeckt – das Radio. Woran er vor Corona nicht einmal gedacht hat, bereitet ihm jetzt große Freude.


Eine andere Freundin, die 20 Jahre im Hotelwesen tätig war und immer an Wochenenden und Feiertagen gearbeitet hat, lernte durch die Kurzarbeit die Wochenenden mit ihrem Partner so sehr zu schätzen, dass sie diese nun nicht mehr missen möchte. Sie wechselt ihren Job und wird ebenfalls dieses Jahr noch heiraten. Auch wenn der Ausstieg aus dem Job in der Hotellerie zunächst weniger Geld bedeutet, so bietet er ihr gleichzeitig mehr Lebensqualität, und diesen Mehrwert hat sie erst durch die freie Zeit im letzten Jahr erkannt.


Das sind nur zwei Beispiele, und ich weiß, dass es auch andere Situationen gibt. Ich möchte auf gar keinen Fall Existenzängste herunterspielen oder auf andere Art die Situation verharmlosen, sondern vielmehr zeigen, dass es in all dem Chaos und der Not auch immer wieder Lichtblicke oder Dinge gibt, die wir ohne Corona niemals getan oder erfahren hätten. Erst durch die Entschleunigung und die zwangsläufige Beschäftigung mit uns selbst (wenn wir uns darauf einlassen ) können wir erfahren, was uns wirklich wichtig ist.


Ungewöhnliche Zeiten bieten uns oft eine Chance zur Veränderung, und manche Kapitel im Leben bekommen erst später eine Überschrift.

Ich möchte Dich ermuntern, mal ganz ehrlich Bilanz zu ziehen und Dich dabei darauf zu konzentrieren, was in dem ganzen Chaos vielleicht auch positiv für Dich war.


Eventuell hast Du schon länger gemerkt, dass einige Dinge in Deinem Leben nicht mehr stimmig sind und jetzt die Chance zur Veränderung ergriffen?


Hast Du vielleicht durch das Home-Office festgestellt, dass Du eine bessere Energie hast, wenn keine Schwatzrunden mit den Kollegen Dich ablenken, oder macht Dich der Austausch mit anderen eher kreativer?


Hast Du Dich im letzten Jahr mehr mit den Menschen verbunden, die Dir wirklich wichtig sind und gleichzeitig den Kontakt zu denen reduziert, die Dir Energie abziehen, und die Du nur aus Pflichtgefühl getroffen hast?


Hast Du neue Rituale etabliert, für die Du früher keine Zeit hattest? Kochst Du zum Beispiel mehr selbst und fühlst Dich damit besser, weil Du selbst entscheidest, was in Dein Essen kommt? Hast Du eine Routine gefunden, Dich auch ohne Fitnessstudio täglich zu bewegen und sparst dadurch sogar Geld? Bekommst Du mehr Schlaf, weil Du nicht mehr morgens früh zur Arbeit hetzen musst? Bist Du entspannter, oder fehlt Dir der feste Ablauf?


Hast Du darüber nachgedacht, ob Dein Gehalt das wert ist, was Du dafür tust? Bist Du z.B. dankbar, wenn Du wieder 5 Tage die Woche zur Arbeit gehen und die Familie nicht rund um die Uhr sehen musst? Oder blühst Du eher auf, wenn Du mehr Zeit mit Deinen Liebsten verbringst?


Möglicherweise hast Du Deinen Job verloren, und sorgst Dich um Dein Einkommen. Aber vielleicht fühlst Du sogar eine gewisse Erleichterung, dass Du dort nicht mehr hingehen musst, weil Dich der Job schon lange ausgelaugt hat?


Vielleicht bist Du alleinerziehende Mutter im Home-Office mit 2 schulpflichtigen Kindern und machst drei Kreuze, wenn das Leben wieder seinen geregelten Gang geht. Oder Du findest es sogar ein bisschen schade, wenn Du die Kinder nicht mehr den ganzen Tag um Dich hast. Es gibt hier weder richtig noch falsch und schon gar keine Wertung.


Was ich damit ausdrücken möchte, ist, dass eine Veränderung unseres Blickwinkels manchmal unser ganzes Leben verändern kann. Denn die Dinge sind, was sie sind – weder gut noch schlecht. Erst Dein Blick darauf gibt ihnen eine Wertung. Und wenn Du den Blickwinkel auf die Dinge veränderst, verändern sich die Dinge, auf die Du schaust. Und das hast Du immer selbst in der Hand, egal, wie die äußeren Umstände gerade sind.


„Die eigentlichen Entdeckungsreisen bestehen nicht im Kennenlernen neuer Landstriche, sondern darin, etwas mit anderen Augen zu sehen.“ Marcel Proust

Keiner sieht die Welt aus Deinen Augen, so wie auch Du nicht wissen kannst, wie andere die Dinge gerade sehen. Und wenn wir offen für neue Sichtweisen sind, öffnen sich manchmal ungeahnte Möglichkeiten. Ich wünsche Dir eine gute Perspektive auf das Leben!




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